Mehr Bauch statt Kopf 1


BauchgefühlNein, hier geht es diesmal nicht um das Training der Bauchmuskulatur. Vielmehr möchte ich in diesem Artikel die Vorgehensweise hinterfragen, mit der wir typischerweise schwierige Entscheidungen treffen.

Ich betrachte mich selbst als einen sehr rationalen Menschen und ich denke sehr viel nach. Bei folgenschweren Entscheidungen bin ich meist bemüht, alle Fakten und Konsequenzen im Blick zu haben, um eine fundierte Handlungsgrundlage zu haben. Aber ist diese rationale Art immer der beste Weg, um eine Entscheidung zu treffen? Möglicherweise nicht. Denn neben Verstand und Logik gibt es noch eine weitere Komponente, die uns bei einer Entscheidungsfindung beeinflußt: Die Intuition, oft auch als Bauchgefühl bezeichnet.

Ein amerikanisches Forschungsteam hat in einem Experiment kürzlich untersucht, wie gut solche Entscheidungen aus dem Bauch sind, und ist dabei zu einem überraschenden Ergebnis gekommen: Entscheidungen aus dem Bauch schneiden oft erheblich besser ab, als solche, die mit dem Verstand getroffen werden. Dies gilt vor allem bei komplexen Vorhaben, wie zum Beispiel dem Kauf eines Autos oder einer Wohnung, aber auch der Wahl eines Urlaubsortes.

Aus meiner Arbeit als Softwareentwickler kenne ich die Problematik, den Aufwand für die Umsetzung einer gewünschten Funktionalität einzuschätzen. Hier ist oft schon die Problemstellung derart kompliziert, dass es unmöglich erscheint, in kurzer Zeit eine rationale Abschätzung unter Berücksichtigung aller Fakten zu treffen. In der agilen Softwareentwicklung nutzen wir daher eine Methode, bei der jedes Mitglied des Entwicklungsteams eine Schätzung auf der Grundlage des eigenen Bauchgefühls abgibt. Bei eingespielten Teams stimmt diese Abschätzung, auf deren Grundlage ein Projektmanager dann die Product-Roadmap erstellen kann, oft auf Anhieb überein. Nur bei Abweichungen im Team werden kurz einzelne relevante Fakten zusammengetragen, bis man schließlich ein gemeinsames Gefühl für die Umsetzung der Aufgabe hat. Dieses System funktioniert überraschend gut. Der englischsprachige Wikipedia-Artikel zum Planning Poker gibt einen tieferen Einblick in diese Vorgehensweise.

»Es gibt eine Vernunft des Herzens, die der Verstand nicht kennt. Man erfährt es bei tausend Dingen.«
Blaise Pascal (1623-62), frz. Mathematiker u. Philosoph

Auch der niederländische Sozialpsychologe Ap Dijksterhuis kam in mehreren Experimenten zu der Erkenntnis, dass Versuchspersonen mit ihren Entscheidungen am zufriedensten waren, wenn sie ihrer Intuition vertrauten. Der Autor des Buches »Das kluge Unbewusste« sieht die Ursache dieses Ergebnisses in der Fähigkeit unseres unbewussten Denkens, Informationen mit bis zu 11,2 Millionen Bits pro Sekunde zu verarbeiten. Der bewusste Verstand bringt es dagegen nur auf 60 Bit pro Sekunde, was ungefähr der Geschwindigkeit beim Lesen eines Textes entspricht.

Für mich selbst ziehe ich daraus die Lehre, nicht jede Entscheidung bis auf’s letzte Detail durchanalysieren zu müssen. Wahrscheinlich kann man so eine Menge Zeit und Energie sparen, die sich besser nutzen lässt, als für das Wälzen von Testberichten und Abwägen von Fakten. Beim Kauf meines letzten Handys habe ich mich für das iPhone 4S entschieden, obwohl die technischen Daten für das Samsung Galaxy sprachen. Schon da habe ich mein Bauchgefühl über die harten Fakten gestellt, und bisher habe ich meine Entscheidung nicht bereut.


Über Thomas Frütel

Thomas Frütel ist Softwarearchtitekt, Kraftsportler, Gesundheitsfanatiker und Familienvater. Auf idealkraft.de schreibt er über alles, was mit menschlicher Leistungsoptimierung - Human Performance Optimization - zu tun hat.


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