Das Spiel des Lebens


Vor ein paar Jahren habe ich mich eine Weile mit Online-Rollenspielen wie World Of Warcraft und Herr der Ringe Online beschäftigt. Ich war nie ein Hardcore-Gamer, dennoch habe ich etliche Stunden in die Entwicklung mehrerer Charaktere in diesen virtuellen Welten investiert.

Die Möglichkeit, mit anderen Spielern in epische Schlachten zu ziehen oder mich mit diesen im Kampf zu messen reizte mich. Auch erlag ich der Faszination, meine Spielfigur durch immer neue Fertigkeiten und verbesserte Ausrüstungsgegenstände zum ultimativen Helden auszubilden.

Nicht wenige Spieler solcher Games werden dermaßen durch diese Spielelemente vereinnahmt, dass daraus eine zerstörerische Sucht entsteht. In der Presse gibt es zahlreiche Berichte von Online-Gamern, die ihren Job, ihre Familie oder ihre Gesundheit verloren haben, weil sie sich nicht mehr aus der Spielwelt zurückziehen konnten. Eine extremer Fall, wie so eine Sucht verlaufen kann, ist bei Software Guide zu lesen. Ich selbst bin zum Glück weitgehend immun gegen derartige Suchteffekte und habe mich nach einigen Wochen der Faszination und intensiveren Beschäftigung immer von solchen Spielen abgewandt.

Interessant scheint mir jedoch, zu hinterfragen, worin das Suchtpotenzial von Spielen wie World Of Warcraft begründet liegt. Liest man Erfahrungsberichte von Betroffenen, so scheinen zwei Aspekte im Vordergrund zu stehen: Die Integration in eine Gruppe von Gleichgesinnten (Gilde) und Erfolgserlebnisse durch die ständige Verbesserung der eigenen Spielfigur. Erfolgreiche Spiele fördern diese Faktoren durch optimal abgestimmte Spielmechanismen. So macht ein Spieler in WoW am Anfang rasante Fortschritte, was Erfolgserlebnisse produziert und den Spieler ermutigt, immer tiefer in die Spielwelt einzusteigen. Später im Spiel sind Erfolge seltener, oft nur mit einer starken, gut abgestimmten Gruppe zu erzielen, aber dafür umso spektakulärer.

Was wäre nun, wenn man diese Spielmechanik auf das reale Leben überträgt? Wenn man Aufgaben, Ziele und Projekte als Quests betrachtet, durch die man Erfahrung und Gold gewinnt. Dass man sich ständig weiter entwickelt, bis zum ultimativen Helden? Chris Guillebeau beschreibt in seinem E-Book The Tower ausführlich, wie er seine eigenen Erfahrungen mit einem Computerspiel auf das reale Leben überträgt.

Ich selbst spiele kaum noch Videospiele. Hin und wieder lese ich noch über Neuerscheinungen, die mir durchaus reizvoll erscheinen. Ich ziehe jedoch dann den Schluss, dass ich die Zeit besser mit der Weiterentwicklung meiner realen Persönlichkeit verbringe, als mit dem Heranzüchten eines weiteren, virtuellen Avatars.

Zugegeben, ein gutes Computerspiel kann viel Spaß bereiten. Doch darauf muss man nicht verzichten. Betrachtet man das reale Leben aus der Perspektive eines Spiels, so lässt sich nämlich dieser Spaßfaktor auch dorthin übertragen: Sehen wir uns doch als Helden, Feldherren, Tycoone oder was wir auch immer gerne spielen. Aus diesem Blickwinkel erscheinen schwierige Herausforderungen und lästige Aufgaben in einem ganz anderen Licht: Anstatt uns durch das Leben zu schinden arbeiten wir an unserer eigenen Legende. Auf geht’s, wir sehen uns auf Level 70!


Über Thomas Frütel

Thomas Frütel ist Softwarearchtitekt, Kraftsportler, Gesundheitsfanatiker und Familienvater. Auf idealkraft.de schreibt er über alles, was mit menschlicher Leistungsoptimierung - Human Performance Optimization - zu tun hat.

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