Kraftsport als Meditation


Kraftsport MeditationNur der Augenblick zählt. Das Eisen und ich. Ich wickele meine Hand um das spröde Material. Spüre die rauhe Oberfläche der Hantelstange in meinen Handflächen. Ein-, zweimal drehe ich die Stange in der Ablage, um die beste Position zu ertasten. Dann greife ich zu, als wollte ich den Stahl zerdrücken.

Ich blende jeden überflüssigen Gedanken aus – Konzentration auf das Wesentliche. Spüre, wie mein Brustkorb sich mit jedem Atemzug hebt und senkt. Ich ziehe die Schulterblätter zusammen und drücke sie mit den Beinen in die Bank. Die Füße, Gesäß und die beiden Schulterblättern bilden ein unverrückbares Fundament, sind der einzige Kontakt zum Untergrund. Dazwischen herrscht Spannung, wie in der Sehne eines Bogens. Noch einmal festige ich den Griff meiner Hand. Zerdrücken.

Ich gebe meinem Partner das Signal, dass ich bereit bin. Zügig hilft er mir, die Hantelstange genau über meine Brust zu führen. Dann tritt er zurück und überlässt mir das Gewicht. Meine Augen sehen an der Stange vorbei zur Decke. Ich liege stabil, in Balance, unter Spannung. Ein letzter tiefer Atemzug füllt den Brustkorb bis zum Maximum.

Kontrolliert aber nicht zu langsam lasse ich das Gewicht herab. Ich fühle, wie mein angespannter Körper dagegen hält, wie eine Feder. Die Stange findet Kontakt, genau in der Mitte meiner Brust. Jetzt pausieren, eine Sekunde lang soll das Gewicht ruhen. Ich halte die Spannung, meine Muskeln wollen explodieren. Dann schiebe ich – heftig, Vollgas, direkt von unten heraus. Wäre das Gewicht leichter, würde ich es wahrscheinlich an die Decke der Trainingshalle stoßen. Etwa 15 Zentimeter über der Brust ist mein »Sticking Point«, ich merke, wie die Stange langsamer wird.

Doch ich passiere diesen Punkt. Spüre, wie sich das Gewicht langsam aber flüssig weiter nach oben bewegt. Nach zwei Dritteln der Strecke weiß ich: Ich habe es geschafft. Mein Trizeps ist stark, mit dem Lockout gibt es keine Probleme. Luft entweicht pfeifend durch meine Lippen während ich das Gewicht die letzten Zentimeter nach oben drücke. Mit durchgedrückten Armen halte ich das Gewicht einen Moment über meinem Kopf, genieße den Sieg über die Schwerkraft. Dann führe ich die Stange krachend nach hinten in die Ablage.

Eine neue Trainingsbestleistung! Alles in allem etwa 20 Sekunden, erlebt in voller Intensität. Ein meditatives Ereignis voller Konzentration und Fokus. In drei oder vier Wochen werde ich mich erneut an dieses Gewicht wagen. Doch dann sollen es zwei, vielleicht drei Wiederholungen werden.


Über Thomas Frütel

Thomas Frütel ist Softwarearchtitekt, Kraftsportler, Gesundheitsfanatiker und Familienvater. Auf idealkraft.de schreibt er über alles, was mit menschlicher Leistungsoptimierung - Human Performance Optimization - zu tun hat.

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